
Unterbringung
Alle 93 Zimmer sind geräumig und bieten eine gemütliche Atmosphäre. Sie verfügen über folgende Ausstattung:
Business Services
Hotelausstattung & Service
Verpflegung
Eine verkannte Schöne im Norden
Die einstige Industriestadt Lille erwacht mit neuem Schwung. Nach zwei Jahrzehnten Niedergang zieht neues Leben in Frankreichs Norden ein. In Lille – der Europäischen Kulturhauptstadt 2004 – erobern
Künstler und Designer leer stehende Textilfabriken. In der frisch herausgeputzten Altstadt mit ihren kopfsteingepflasterten Gassen eröffnen täglich neue Kneipen, Bars und Restaurants. Im alten
Arbeiterviertel Wazemmes träumen und feiern die Poeten, Weltverbesserer, Malocher, und Studenten. Bei der Patisserie Méert gibt es die leckersten Waffeln und Schokoladen des Nordens, die sich Charles
de Gaulle aus seiner Heimatstadt Lille bis in den Elysée-Palast nachschicken ließ.
„Ça roule“, sagen sie hier, „es läuft“ - und es läuft gut für Lille, die Millionenstadt. Nach Brüssel fährt der Schnellzug nur noch vierzig Minuten, nach Paris eine Stunde und nach London - dank
Eurotunnel - zwei. So profiliert sich Lille erfolgreich als kulturelle und wirtschaftliche Drehscheibe zwischen den westeuropäischen Metropolen.
Wer den in Beton gegossenen Albtraum des neuen Bahnhofs Lille-Europe mit dem sterilgrauen Einkaufszentrum Euralille hinter sich lässt, entdeckt eine lebensfrohe, bunte Stadt, die nach Jahren des
Niedergangs ihre Mitte wiedergefunden hat.
Im Bauch der Stadt: Poeten, Studenten, Lebenskünstler
Hinter den frisch renovierten, mit Putten, Löwenmäulern und anderen märchenhaften Figuren reich verzierten, schmalen Bürgerhäuserfassaden aus dem 17. Jahrhundert eröffnen täglich neue Kneipen,
Restaurants und Boutiquen. In den aus nackten Ziegelsteinen gemauerten Kellergewölben der reichen Tuchhändler vergangener Zeiten haben junge Designer schicke Klamottenläden eingerichtet. Auf dem
Grande Place lassen sich Einheimische und Touristen am großen Brunnen die Sonne ins Gesicht scheinen. Und unter ihnen ist auch eine Zugereiste, die über ihre neue Heimat schwärmt: „Diese alten
Fassaden und die vielen Kneipen, wo man mit den Leuten sofort ins Gespräch kommt, Flandern ist so gesellig.“ Véra Dupuis ist in ihrer stürmischen Liebe zu ihrer Wahlheimat kaum zu bremsen. Die
ehemalige Hamburgerin führt Touristen durch die Stadt und schreibt über das faszinierende Wechselspiel zwischen Alt und Neu, von den angeblich besten, handgemachten Schokoladen- und Waffelleckereien
bei Méert und vom noch ganz ursprünglichen Arbeiter-, Künstler- und Einwandererviertel Wazemmes.
Hier sitzen sie, die verpassten Chancen, die Tagträume und die in Bier und Pastis ertrunkenen Hoffnungen. Jeden Sonntagnachmittag singt und tanzt Wazemmes im „Cigale“ am Marktplatz. Nicole zum
Beispiel, weit jenseits der 50, schmettert die Lieder der Piaf, bis ihr vom harten Leben und dem vielen Alkohol zerfurchtes Gesicht nur noch strahlt.
Immer mehr Gäste stehen auf, singen und tanzen mit. Andere kommen, um beim Bier dem Treiben zuzusehen oder einen leckeren Muschelauflauf zu essen. Während draußen die Markthändler aus Marokko,
Algerien, Frankreich, China oder Kambodscha ihre Stände abbauen, steigt im „Cigale“ die Stimmung.
Im Liller Stadtteil Wazemmes haben Künstler, Poeten, Aus- und Einsteiger, Studenten, Arbeiter und Araber eine neue Heimat gefunden. Sie liefern Dimitri, dem Kiez-Schriftsteller, den Stoff für seine
Krimis und Kurzgeschichten ( Foto rechts: Dimitri in seiner Küche). „Ich schreibe auf der Straße, da passiert so viel“, schwärmt der 31jährige, der seine Wazemmes-Krimis im Eigenverlag unter die
Leute bringt. „Schau mal, da drüben wohnt ein Spanier, dort in der Sozialwohnung die Algerier mit ihren acht Kindern und gegenüber ein Kroate, der sein Haus an Portugiesen verkauft hat, die es an
eine koreanische Familie vermieten.“
Designer statt Halsabschneider
Noch vor zehn Jahren trauten sich die Liller kaum nach Wazemmes am Südrand der Altstadt. „Das war das Halsabschneiderviertel“, bestätigen Dimitri und sein Kumpel Pierre-Alexis, der sich als freier
Bildhauer durchs Leben schlägt. Aber jetzt sei es sicher. Dafür hat die Stadtsanierung dem Viertel schwere Wunden geschlagen. „Hier standen überall solche wunderbaren Arbeiterhäuser mit den für Lille
typischen Innenhöfen“, klagt Pierre-Alexis und zeigt auf die schlammige, vermüllte Brachfläche vor seinem Haus in der Rue de l’Hopital St. Roch.
Davor wirbt ein blass gewordenes Plakat: „Hier bereitet die Stadt Lille die Zukunft Ihres Viertels vor“. Die hat in Wazemmes inzwischen begonnen. In einer Seitenstraße hat der erste teure
Designerladen aufgemacht (Foto rechts) und immer mehr leer stehende Textilfabriken werden zu edlen Lofts umgebaut - oder zu Häusern der Verrücktheiten. „Maison de la Folie“ nennt die Stadt ihr erstes
Projekt für das Kulturhauptstadt-Jahr 2004. In einer alten Spinnerei entstehen Künstlerateliers, Werkstätten und andere Räume „für kreative Bürger".
Die Wazemmer sind skeptisch. Wollte doch die sozialistische Stadtverwaltung ihnen erst kürzlich das Herzstück ihres Viertels rauben. Aus der Markthalle sollte ein Kino werden. Nach dem viele
protestiert hatten, entschuldigte sich Bürgermeisterin Martine Aubry per öffentlichem Aushang: Die Stadt wolle die mehr als hundert Jahre alten Hallen als Kulturdenkmal Lilles erhalten und sei stolz
auf die bunte Lebendigkeit des Wazemmer Marktes.
Eine kulinarische Weltreise zu Fuß
Für einen Euro gibt es hier kambodschanische Krabbencreme im Teigmantel und am Nachbarstand chinesische Nudeln oder türkischen Kebab. Vor der Halle verläuft man sich schnell zwischen den Ständen mit
Ramsch, Kunst, Obst, Gemüse und Spezialitäten aus aller Welt. Am Abend des Marktsonntags trifft man sich dann im „Relax“, wo jeden Sonntag eine Liveband aus Wazemmes, Algerien oder einem anderen
Flecken der Welt spielt. Der Alkohol ist hier am Sonntag Abend ungefährlich. Es wird so voll, dass niemand mehr umfallen kann. Wer es dann tatsächlich durch das Gedränge bis zum Tresen schafft und
zum Ohr des Wirts durchdringt, bringt für die Tischnachbarn gleich ein Bier mit.
Für Dimitri sind das „noch richtige Cafés, in denen sich die Generationen treffen, kommunizieren und nicht diese neuen Themenbars“. „Weißt Du“, ergänzt ein älterer Tischnachbar, der bisher regungslos
in sein Bier gestarrt hatte, „da drüben hat es letzte Woche eine Explosion gegeben.“ Er zeigt auf einen Lebensmittelladen auf der anderen Seite des Marktplatzes. „Ach, irgendeine Mafia-Geschichte,
ich weiß es auch nicht“. Stoff für den nächsten Wazemmes-Krimi.
Spiele mit dem Holzhammer
Verschwunden sind der Hafen, die Flüsschen und Kanäle, die der Stadt Lille (L’Ile, die Insel) einst den Namen gaben und jedes Jahr die Keller der Altstadt überfluteten. Man hat sie zugeschüttet.
Mitten in der schick gewordenen Altstadt von Rijsel (der flämische Name von Lille) betreibt Jean Luc Leconte sein „Estamine“t. Leconte serviert in einer mit alten Emaillekannen, Töpfen, und Schildern
dekorierten Speisestube an rohen Holztischen flämische Spezialitäten wie die süß-saure Karbonade, Riette à la Bière oder Potjesvlees. Diese in einer Brühe stundenlang gekochte Mischung aus
Fleischresten, war früher das Arme-Leute-Essen. Schlachtabfälle kamen sonntags als einzige Fleischration kalt auf den Tisch.
Schon die Vorspeise – mit Blaubeeren, Brombeeren, Rhabarber und Bier versetzte Pasteten mit einem Hellen und einem achtprozentigen Dunklen als Aperitif – reicht, um den Hunger zu stillen. Die
Hauptspeisenberge auf den großen Tellern sind danach wirklich nicht mehr zu schaffen, ebenso wenig die skurrilen Nachtischspezialitäten wie das Biereis.
Auf den Tischen sorgen die traditionellen flämischen Holzspiele für Kommunikation. Spätestens nach dem zweiten Bier versuchen auch gediegene Geschäftsleute in Anzug und Krawatte, mit einem
Holzhämmerchen kleine Eisenkugel an Nägeln vorbei ins gegnerische Tor zu schießen oder sie pusten am Sankt-Nikolaus-Billard mit einem kinderfaustgroßen Blasebalg ein Kügelchen in Richtung ihrer
Tischnachbarn.
Die Wohnzimmerkneipen waren vor allem das zweite Zuhause der kleinen Leute, der Bauern, der Fabrikarbeiter und der Bergleute, die dank der Kohleförderung Frankreichs Norden im 19. Jahrhundert reich
gemacht hatten: Nicht umsonst spielt Emile Zolas mit Gérard Depardieu erfolgreich verfilmtes Sozialdrama „Germinal“ im flämisch geprägten Nordwestzipfel Frankreichs.
Auferstehen aus den Industrieruinen
Das französische Flandern entdeckt seine Wurzeln wieder, wenn sich auch im übrigen Frankreich hartnäckig ein anderes Bild der Region festgesetzt hat: Frankreich / Lille / Bettlerin Rue
FaidherbeRegen, Arbeitslose, viele Einwanderer, die Revolten frustrierter Vorstadtjugendlicher und die große Geschichte der längst abgewickelten oder abgewanderten Textilfabriken. In den 1960er und
1970er Jahren verlor die Region plötzlich ihre Lebensgrundlage: Kohle, Stahl, Werften und vor allem die Stoffherstellung rentierten sich nicht mehr. Zwischen 1960 und 1990 verschwanden 300 000
Arbeitsplätze. Trotz eines beachtlichen Wirtschaftsaufschwung zählt die Region Lille immer noch vier Prozent mehr Arbeitslose als der französische Durchschnitt. (Foto rechts: Ein Opfer
wirtschaftlicher Entwicklungen - Bettlerin in der Rue Faidherbe).
Da kommt der Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2004“ gerade recht. Insgesamt 76 Millionen Euro haben die Planer des Kulturhauptstadtjahrs für ihre Projekte bekommen. In der ganzen Region werden
damit wie in Roubaix und Lille-Wazemmes zwölf ehemalige Fabriken und Klöster zu „Häusern der Verrücktheiten“ (Maisons Folie) umgebaut. Unter angeblich großer Beteiligung der Anwohner entstehen
Künstlerateliers, Theatersäle, Restaurants, Cafés, Begegnungszentren und offene Räume, in denen die Menschen Schauspiel, Musik und bildende Künste lernen und zeigen können.
Preise auf Anfrage
Referenz Nr: DE/S/129031